Vom 30. März bis zum 2. April 2026 fand erstmals das internationale Symposium „Amputation – A Multiprofessional Orthopaedic Approach“ in Uganda statt. Das deutsch‑ugandische Fachtreffen widmete sich der umfassenden Versorgung von Menschen nach einer Amputation und brachte Expertinnen und Experten aus Medizin, Physiotherapie, Orthopädietechnik, Orthopädieschuhtechnik und Mental Health zusammen. Ziel war es, alle beteiligten Berufsgruppen enger zu vernetzen und die Bedeutung einer interdisziplinären Zusammenarbeit sichtbar zu machen. Im Mittelpunkt stand dabei stets die Frage, wie eine optimale Versorgung von Patientinnen und Patienten sichergestellt werden kann und an welchen „Stellschrauben“ im Behandlungs- und Rehabilitationsprozess Verbesserungen möglich sind. Alle Beteiligten brachten ihre unterschiedlichen Perspektiven aktiv in die Diskussionen ein. Multiprofessionell arbeiteten alle gemeinsam daran, den Blick über die eigene Fachgrenze hinaus zu erweitern.
Interdisziplinär denken – gemeinsam handeln
Denn eine Amputation betrifft weit mehr als den operativen Eingriff. Entscheidend ist das Zusammenspiel vieler Fachbereiche, damit Patientinnen und Patienten bestmöglich versorgt werden. Genau hier setzte das Symposium an: Welche Schritte im Behandlungs- und Rehabilitationsprozess lassen sich verbessern? Wo liegen Herausforderungen? Und wie können unterschiedliche Professionen voneinander lernen?
Bereits am ersten Tag wurden die theoretischen Grundlagen gelegt. Univ.-Prof. Dr. Rüdiger Krauspe (Universitätsklinikum Düsseldorf) gab einen Überblick über die Geschichte der Amputation sowie über Besonderheiten bei Amputationen im Ober- und Unterschenkel und im Wachstumsalter. Matthias Körner (BG Unfallklinik Frankfurt) stellte das Konzept „Back to Life Care“ vor – einen ganzheitlichen therapeutischen Ansatz, der den Weg der Rehabilitation von der frühen Phase nach der Operation bis zur Rückkehr in Alltag, Arbeit und Sport beschreibt. Der Schwerpunkt dieses Ansatzes liegt auf der Ganganalyse und der Behandlung typischer Hinkmechanismen bei prothetisch versorgten Patientinnen und Patienten. Ergänzend berichtete Lisa Marr (Bundesfachschule für Orthopädietechnik Dortmund) über Herausforderungen in der prothetischen Versorgung.
Theorie trifft Praxis
Anhand konkreter Fallbeispiele wurden Patientinnen und Patienten vorgestellt, die in den folgenden Tagen operiert werden sollten. Gemeinsam analysierten die Teilnehmenden mögliche Problemstellungen und entwickelten interdisziplinäre Lösungsansätze. Besonders eindrücklich war die präoperative Planung unter Leitung von Prof. Krauspe und Lisa Marr: Gemeinsam mit dem Auditorium sowie dem Patienten und seinen Angehörigen wurden optimale Stumpflänge und -beschaffenheit festgelegt. Der ugandische Orthopädietechniker Isaac Bumba brachte wertvolle Einblicke aus der täglichen Versorgungspraxis ein und ergänzte die Diskussion um die lokalen Versorgungsrealitäten.
Im Anschluss teilten sich die Gruppen auf: Das Ärzteteam reiste nach Jinja ins Lamu Hospital, wo gemeinsam mit lokalen Chirurgen operative Eingriffe durchgeführt wurden. Neben der Versorgung selbst standen fachlicher Austausch und Wissenstransfer im Mittelpunkt. Unter der Leitung von Univ.-Prof. Dr. Rüdiger Krauspe, unterstützt von Dr. Jan Wynands (Universitätsklinikum Bonn), stand dabei neben der operativen Versorgung insbesondere der fachliche Austausch und gezielte Wissenstransfer im Vordergrund.
Parallel fand im New Life Orthopaedic Center der praktische Rehabilitations- und Technikteil statt. Insgesamt 15 Teilnehmende – darunter vier ‘Certified Prosthetist/Orthotist’, zwei Orthopädieschuhmacherinnen und ein Physiotherapeut des lokalen Teams – arbeiteten intensiv zusammen. Inhalte waren unter anderem:
- Grundlagen wie Neutral‑Null‑Methode und Lymphdrainage
- Biomechanik des Gangbildes
- Schaftgestaltung, insbesondere ramusumgreifende anatomische Schäfte bei Oberschenkelamputationen
- Stumpfkompressionswickel
- Spiegeltherapie bei Phantomschmerzen
- Maß- und Gipstechniken
- Kriterien für die Anprobe prothetischer Versorgungen
Physiotherapeut Dirk Hahnenberg (Pro Uganda Schweiz) unterstützte die Gruppen mit zusätzlicher praktischer Expertise. Die Ergebnisse wurden in einer gemeinsamen Ganganalyse überprüft und bestehende Versorgungen gezielt optimiert.
Stärkung lokaler Strukturen
Ein weiterer Schwerpunkt war die Weiterentwicklung der Versorgungsstrukturen in Uganda. Der deutsche Botschafter zeigte sich beeindruckt von der Entwicklung des New Life Orthopaedic Center, das er bereits 2022 besucht hatte. Besonders hervorgehoben wurde die zunehmende Fähigkeit, Fachkräfte direkt vor Ort auszubilden. Auch Mr. Kintu Edmund vom Gesundheitsministerium betonte die Bedeutung solcher Einrichtungen für das ugandische Gesundheitssystem und die gesellschaftliche Reintegration von Menschen mit körperlichen Einschränkungen.
Gemeinsamer Abschluss
Am letzten Tag wurden die Erfahrungen aus Chirurgie, Rehabilitation und Technik in einer Podiumsdiskussion zusammengeführt. Dabei wurde deutlich, wie unterschiedlich die Versorgung in den beteiligten Ländern organisiert ist – und wie sehr beide Seiten voneinander profitieren. Ergänzend gab es Einblicke in die Orthopädieschuhtechnik sowie in psychologische Aspekte der Betreuung von Anwenderinnen und Anwendern sowie deren Angehörigen.
Cecile Musinguzi, Leiterin des New Life Orthopaedic Center, fasste es treffend zusammen: „Wir haben gesehen, wie wichtig es ist, dass all diese Bereiche zusammenarbeiten.“
Das Symposium machte klar: Moderne Amputationsversorgung geht weit über die Operation hinaus. Erst das Zusammenspiel von Chirurgie, Rehabilitation und technischer Versorgung ermöglicht nachhaltige Ergebnisse – und damit die Chance auf eine umfassende Rückkehr in den Alltag. Zum Abschluss erhielten alle Teilnehmenden ein Zertifikat als Anerkennung für ihr Engagement und den intensiven fachlichen Austausch.


